Prostitution – Interview auf SR3

Über Prostitution wird gerade im Saarland in der letzten Zeit viel gesprochen. Die übliche Talkshowbesetzung sieht so aus:
– Eine Ex-Prostitutierte, die jetzt anderen beim Ausstieg hilft
– Eine Edel-Prostituierte, die die Vorzüge ihres Berufes herausstellt
– Ein Polizist, der über das Milieu berichtet
– Ein/e PsychologIn, der sowohl über die Folgen für die Prostituierten als auch die Motive der Freier spricht.
– Mindestens eine PolitikerIn, optimal noch ein Bordellbetreiber und natürlich der/ die unvermeidliche ModeratorIn.

Was dann herauskommt ist (in Kürze):
– Zwangsprostitution ist furchtbar und ein Verbrechen. Die Freier machen sich mitschuldig.
– Es gibt auch freiwillige Prostituierte im Luxus-Bereich.
– Prostitution lässt sich durch Justiz, Politik und organisierte Kriminalität weder kontrollieren oder steuern noch verbieten.

Im Radio-Interview fehlt die Antwort auf die Frage, was suchen Männer bei Prostituierten. Die naheliegende Antwort, das, was sie Zuhause nicht bekommen, verdient einer genaueren Betrachtung.
Klar, bestimmte Praktiken, die Zuhause nicht gehen (warum auch immer) sind für viele ein Grund. In der Praxis sind mir auch noch ganz andere Freier begegnet, z.B. solche, die ausprobieren, ob ihre Erektionsstörung auch beim Verkehr mit einer anderen Frau vorkommt, (meistens kommt bei dieser Art Experiment kein hilfreiches Ergebnis heraus).
Oder auch solche, die versuchen, mit Prostituierten aus dem Karussell aus Leistungsdruck und Sportsex auszusteigen. Am häufigsten aber berichten mir Männer, dass sie bei Prostituierten die Zärtlichkeit und körperliche Nähe suchen, die mit ihren Frauen nicht mehr möglich ist. Man könnte jetzt über die armseligen Männer schimpfen oder über deren lieblose Frauen, keinem ist damit gedient. Mir sagt es etwas über Paare, denen es nicht gelingt, ihre Bedürfnisse nach Geborgenheit, nach Nähe und Liebe körperlich zum Ausdruck zu bringen. Mir sagt es auch etwas über eine Gesellschaft, die es Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nicht beibringt, mit diesen Bedürfnissen konstruktiv umzugehen. Aber wenn Bedürfnisse und Wünsche wirklich wichtig sind, verschaffen diese sich einen Ausdruck. Eines der Ventile, das Männern hierfür zur Verfügung steht ist die Prostitution.

Und noch eine Motivation treibt Männer (und auch Frauen) ins „Rotlicht“. Die Illusion, das verheißungsvolle Versprechen dort auf Frauen bzw. Menschen zu treffen, die gerne Sex machen, die wollüstig und geil sich zur Schau stellen und ganz unverschämt und ohne Scham Spaß an der Erotik haben.
Mit dem Bedürfnis nach Lust und Sinnlichkeit, nach rauschhafter Leidenschaft und glückseliger Ekstase lässt sich eine Menge Geld verdienen, bleibt das Bedürfnis doch so gut wie immer unbefriedigt. Denn kein Ereignis ist perfekt, es bleibt stets die Idee, dass es doch noch besser, wilder, intensiver sein könnte. Das liegt per Definition in der Natur des Begehrens, dass es nun mal nie zum Ende kommt.

So lange es in unserer Gesellschaft um Leistung, Funktionalität und Gewinnmaximierung geht, so lange werden Werte wie Genuss, Leidenschaft, Intensität, Erotik als Erlebens-Kunst an den Rand gedrängt und exkommuniziert/ verschwiegen. Wir leben heute in Deutschland nicht mehr in einer Zeit, in der Sexualität verteufelt wird, aber sie wird kommerzialisiert und vermarktet. Insofern halte ich Prostitution (wie auch Pornographie) für einen Spiegel, in dem sich die gesellschaftlich verdrängten, aber menschlich notwendigen Bedürfnisse widerspiegeln.

Und so lange wie es Frauen nicht gestattet ist, ihre Lust zu leben ohne als Schlampe um ihren „guten Ruf“, ihre „Ehre“ zu fürchten, so lange wird es auch Prostitution geben.

Der Link zum Interview: hier.

 

 

 

 

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