Sexuelle Mythen – Interview auf SR3

Sexuelle Mythen sind Ideen und Konstrukte, von denen man fest glaubt, dass sie wahr sind: „Ist doch so.“ Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht eigentlich „nur“ im Anzweifeln der gängigen Mythen und Überzeugungen und der Suche nach Alternativen. Sexuelle Mythen sind sind ja an sich nicht falsch, aber eben nicht der Weisheit letzter Schluss und schon gar nicht die absolute Wahrheit. Mit solchen Halbwahrheiten werden allerdings Grenzen gesetzt, die komplett unnötig sind und viel Leid verursachen.

Zum Beispiel: „Sex ist die natürlichste Sache der Welt“. Halte ich für eine der größten Dummheiten, die über Sexualität erzählt werden. Wäre Sex, die natürlichste Sache der Welt, müssten wir es nicht lernen, alle „könnten“ es, hätten Spaß daran und Lust darauf. Die Grenze, die der Satz setzt, ist die, dass alle, die keinen Spaß am Sex haben, die deswegen auch keine Lust drauf haben, „irgendwie“ nicht „natürlich“ sind, also irgendwie doof oder krank, jedenfalls nicht normal.
Und das halte ich für Quatsch. Dass Sexualität und Erotik Spaß machen ist gelernt, vom ersten Tag unseres Lebens an. Über die Erfahrungen mit unserem Körper, mit Beziehungen, mit Bedürfnissen, mit Gefühlen und Gedanken. Und wenn sich diese Erfahrungen nicht gut angefühlt haben, dann lernt man logischerweise, dass Erotik keinen Spaß macht.
Völlig normal, oder?

Die Überzeugung, die Sexualität in unserer Kultur wohl am meisten bestimmt ist: „Sex ist gleich Geschlechtsverkehr, und der geht so, dass der Mann seinen Penis in die Scheide der Frau einführt.“
Das ist ja im Grunde nicht falsch, es stellt die Sache nur sehr beschränkt dar. Alles andere ausser GV ist demnach kein Sex? Bill Clinton hatte ja auch keinen Sex, als er sich einen blasen lies! Hallo?
Und warum sagt eigentlich niemand: „Sex geht so: Die Frau nimmt den Penis des Mannes mit ihrer Scheide auf.“ ? Wäre doch genau so richtig, oder? Sagt aber niemand!
Und genau diese Einseitigkeit gibt Standards vor, die vortäuschen Wahrheit zu sein. Was ist zum Beispiel mit all den Menschen, die durch GV keinen Höhepunkt bekommen und sich anders behelfen? Haben die keinen „richtigen“ Sex? Sind die ungenügend, defizitär? Meiner Meinung nach nicht, aber das ist nur eine Meinung.
Es gibt Spielarten der Erotik, deren oberstes Ziel nicht die Penetration ist, und die sind sowohl emotional als auch genital höchst befriedigend. Wer hat das Recht, diese Varianten als minderwertig oder gar abweichend zu verurteilen? Die Sexualwissenschaft macht das schon lange nicht mehr, aber viel zu viele Menschen reiben sich noch immer an diesen Vorurteilen auf und leiden daran, nicht „richtig“ zu sein.

Der Link zur Sendung: SR 3 – Die schönste Nebensache der Welt

 

 

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